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iDoc: Pflege-Roboter, Gesundheitsapps und Cyber-Implantate

Quelle: WirtschaftsWoche (37/2014)

„Apple und Google wollen uns helfen, gesünder zu leben und Krankheiten zu besiegen. Stehen wir am Beginn eines neuen Zeitalters in der Medizin?“ Diese Frage stellte die WirtschaftsWoche Anfang September in ihrer Ausgabe: „iDoc – Google und Apple krempeln das Geschäft mit unserer Gesundheit um.“ (Heft 37/2014) Eine Konferenz in Ulm thematisiert jetzt die Folgen der zunehmenden Technisierung der Medizin.

Robo-Docs operieren in technisch hochgerüsteten Operationssälen, auf Intensivstationen werden Vitalfunktionen automatisch überwacht und die maschinell unterstützte Pflege spart Zeit. In der Medizin rückt die Technik dem Menschen immer stärker auf den Leib – mit Transplantaten, Implantaten und Prothesen.

Der technische Fortschritt in der Medizin vergrößert Heilungschancen beträchtlich, birgt aber auch Gefahren einer zunehmenden Entfremdung und Entmenschlichung. Bei der Jahrestagung der Akademie für Ethik in der Medizin (AEM), die vom 9. bis zum 11. Oktober an der Universität Ulm stattfindet, geht es daher um die „Technisierung der Medizin als ethische Herausforderung“.

„Nicht nur in der ärztlichen Versorgung und Pflege schreitet die Technisierung voran. Mit Hochtechnologie-Prothesen und künstlichen Implantaten dringt die Technik förmlich in unsere Körper ein. Fragen nach Nutzen und Risiken, der ‘Humanverträglichkeit’ stellen sich dabei nicht nur in medizinischer Hinsicht, sondern auch auf ethisch-philosophischer Ebene“, erläutert Heiner Fangerau. Der Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Sprecher des Zentrums Medizin und Gesellschaft (ZMG) an der Universität Ulm leitet die Ulmer Konferenz.

Bei der dreitägigen Medizin-Ethik-Tagung geht es um assistierte Technologien in der Fortpflanzungsmedizin, um den Einsatz von Hirn-Computer-Schnittstellen und speziellen Diagnoseverfahren und um die zunehmende Technisierung ärztlicher Versorgung und Pflege.

„Was bringt es dem Patienten, wenn wir Biomarker haben, die ihm vorhersagen, dass er ein stark erhöhtes Risiko hat für eine Krankheit, die noch gar nicht behandelt werden kann? Wie riskant sind schnittstellenbasierte Mensch-Maschine Allianzen, wenn sie das eigenverantwortliche Handeln einschränken? Es gibt so viele Fragen, auf die Medizin und Ethik gemeinsam eine Antwort finden müssen“, so die Ulmer Medizinethikerin Badura-Lotter.

Diskutiert werden aber auch die Chancen neuer Technologien, beispielsweise im Hinblick auf eine personalisierte Medizin, die individuellen Bedürfnissen stärker Rechnung trägt, oder auf den altersgerechten Einsatz von Technik in der Pflege.

Nicht selten geht es bei der Beurteilung des Verhältnisses von Mensch und Technik um ethisch-philosophische Probleme. Was hat es zu bedeuten, wenn der Mensch Prothesen entwickelt, die viel leistungsfähiger sind als es die originären Körperteile des Menschen je waren? Wenn aus der Amputation eine Verstärkung wird?

Enhancement nennt die Medizinsoziologie dieses Phänomen – Verbesserung. Eine andere Diskussiom kreist um die normative Kraft des Technischen. Was heißt es, wenn Technik und Ökonomie medizinische Maßstäbe setzen und nicht mehr der Mensch?

Nach Ansicht des technikkritischen Darmstädter Philosophieprofessors Gernot Böhme, der bei der Ulmer Tagung den Eröffnungsvortrag halten wird, ist diese Entwicklung mit einer zunehmenden Entfremdung des Menschen und einer Entmenschlichung der Medizin erkauft. „Eine Technisierung im Dienste des medizinischen Fortschrittes muss letztendlich im Sinne des Menschen sein, darauf sollten sich Medizin und Ethik eigentlich einigen können“, hofft Fangerau.

Hier finden Sie das Tagungsprogramm.