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Unter der Schirmherrschaft

"Der Mensch muss weiter im Mittelpunkt stehen"

09.02.2017 Von: Carsten Ruge

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster, Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (Foto: Jim Rakete)

Wie wird künstliche Intelligenz unser Arbeitsleben künftig beeinflussen? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster, Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Herr Wahlster, eine aktuelle Studie geht von einer Verdoppelung des Wirtschaftswachstums in Deutschland bis zum Jahr 2035 durch Künstliche Intelligenz aus - von 1,4 Prozent auf dann 3,0 Prozent. Ist das für Sie realistisch?

Künstliche Intelligenz wird einen enormen und positiven Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben können und die Zukunftsprojekte der Bundesregierung wie „Industrie 4.0“, „Smart Service Welt“ und „Autonome Systeme“ nutzen massiv den Fortschritt auf dem Gebiet der KI. Die Chance für Wirtschaftswachstum ist also da! Jetzt muss sie aber auch genutzt werden, um die nächste Stufe der Digitalisierung unserer Wirtschaft zu erreichen. Mit dem Internet der Dinge, dem Echtzeit-Internet und autonomen Systemen wird es für Deutschland möglich – aufbauend auf seinen traditionellen Stärken bei hochwertigen physischen, digital veredelten Produkten vom Auto bis zur Waschmaschine und darauf aufgesetzten Serviceplattformen – im internationalen Wettlauf weiter einen vorderen Rang zu belegen. Diese nächste Stufe der Digitalisierung unserer Wirtschaft wird aber nur erreichbar sein, wenn ein Digitalisierungsruck durch Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft geht, der mit massiven Investitionen, wirklicher Offenheit für Innovation, bewusster Risikobereitschaft und disruptiven Veränderungen in den Rahmenbedingungen einhergeht.

Wie wird sich die Arbeitswelt Ihrer Meinung nach durch KI verändern?

Unser Ziel in der KI ist es, dass sich der Mensch nicht länger der Technik anpassen muss, sondern sich die Technik dem Menschen individuell anpassen kann. Entscheidend ist, dass auch im Zeitalter von Industrie 4.0 der Mensch in der Smart Factory im Mittelpunkt steht. Dabei werden die Mitarbeiter in der konkreten Arbeitssituation vermehrt auch Datenbrillen und andere Wearables einsetzen, um sich vor Ort relevante Information für die aktuelle Aufgabe mobil einspielen zu lassen. Die Werker werden aber auch stärker durch kollaborative Roboter unterstützt. Solche Leichtbauroboter mit humanoidem Ausweichverhalten sind heute bereits in der Automobilmontage erfolgreich im Einsatz. Mit den Fortschritten der KI wird es in den nächsten Jahren möglich, sogar Montageteams von mehreren Werkern und Robotern mit verschiedenen Fähigkeiten zu bilden, die beispielsweise die sehr anstrengende Überkopfarbeit bei der Ausstattung von Flugzeug-Flügeln reduzieren. Eine wichtige Aufgabe dabei ist, die richtige Organisation der Teamarbeit zwischen Mensch und Roboter zu finden, so dass menschliche und künstliche Intelligenz optimal zusammenwirken.

Wie stellen Sie sich das vor?

Es muss darum gehen, eine die menschliche Intelligenz unterstützende, ergänzende oder auch komplementäre maschinelle Intelligenz zu entwickeln, so dass menschlicher und maschineller Intellekt zusammen Probleme lösen, die uns Menschen beschäftigen. Es sollen dabei durchaus auch bekannte Defizite menschlicher Intelligenz durch künstliche Intelligenz kompensiert werden. Allerdings muss man dabei immer die Akzeptanz der KI-Systeme durch den Menschen im Blick behalten. Klar ist aber auch: Künstliche Intelligenz ist zwar besser als natürliche Dummheit, aber die menschliche Alltagsintelligenz ist heute in vielen Situationen der maschinellen Intelligenz meist noch überlegen.

Welche Tücken gilt es technisch, menschlich und gesellschaftlich zu beachten? 

Der Erfolg von Technologien der KI wirft eine Vielzahl ethischer, philosophischer, juristischer und sozialer Fragen auf, die in unserer Gesellschaft zu diskutieren sind. Bei KI-Systemen, und erst recht bei Autonomen Systemen, geht es nicht nur um die technische Leistung, sondern auch um Selbsterklärungsfähigkeit, Selbstlernfähigkeit, Fehlertoleranz und Resilienz, um Kooperativität und Proaktivität. Die Qualität der Interaktion zwischen Mensch und Technik ist entscheidend für die Zusammenarbeit von Robotern und Menschen in der sogenannten Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK). Fortschritte auf diesem Gebiet sind deshalb auch immer Impulse für Innovationen und wichtige Meilensteine für das Gelingen von Industrie 4.0, der Digitalisierung der Produktion durch die Einführung von Smart Factories.

Würden Sie einen Aspekt in der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine besonders hervorheben?

Besonders wichtig ist die Frage, wie das Gefühl eines Kontrollverlustes vermieden bzw. wie die Akzeptanz von KI erhöht werden kann. Auch da sehe ich Deutschland in einer sehr guten Situation, denn eine neue Generation von multimodalen Dialogplattformen kann sich mittlerweile auf den kognitiven Zustand des Menschen einstellen und die Prozesskontrolle bei Anomalien oder Systemunsicherheiten rechtzeitig wieder an den Menschen übergeben, so dass dieser nicht das Gefühl eines Kontrollverlustes hat. Zum Glück sind diese Themen in Deutschland mit Unterstützung von Presse und Politik, aber auch von Gewerkschaften viel mehr im Bewusstsein der Öffentlichkeit als in anderen Industrienationen.


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